Wieder kein Wasser

„Wir erreichten eine Stadt, Neumünster … Die Leute kamen aus den Häusern, um unseren Elendszug zu betrachten. Keiner sagte ein Wort. Stumm sahen sie uns vorüber wanken. Wir baten um Wasser und im Handumdrehen standen volle Eimer mit Trinkbechern vor den Haustüren. Halb verdurstet stürzten wir uns auf diese Labe, als das Kommando ertönte:`Zurück sonst wird geschossen!` Die SS hatte die Maschinenpistolen im Anschlag, die Finger an den Abzügen. Wir sahen das Wasser vor uns, …und durften nicht trinken. Die SS stieß Eimer und Töpfe um, das Wasser floss auf die Straße.“ So beschrieb Hilde Sherman (gestorben am 11.3.2011 in Jerusalem) was ihr als 22jähriger Frau kurz vor Ende des Naziregiemes im April 1945 auf dem Hungermarsch vom KZ Fuhlsbüttel nach Kiel ins KZ Nordmark in Kiel Hassee angetan wurde. (s. auch Hilde Shermann, Zwischen Tag und Dunkel, Mädchenjahre im Ghetto, Ullstein). Neun Menschen überlebten den Marsch nicht und wurden auf der Strecke erschossen.

70 Jahre später vom 15. – 19. April lief eine Gruppe von um die hundert Menschen unter Ihnen Tochter einer Überlebenden Ruthy Sherman aus Israel und Enkelin Martha Birmacher aus Florida und ein Enkel des ehemaligen Leiters des KZ Fuhlsbüttel auf dem „Marsch des Lebens“ in einem fünftägigen Marsch vom KZ Fuhlsbüttel zum Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel – Russee auf die Kieler / Altonaer Chaussee den selben Weg auch durch Neumünster. An den Stellen damaliger Morde wurde der Marsch durch kurze Andachten unterbrochen u.a. in Brokenlande, Einfeld, Mühbrook und Rotenhahn. Organisiert wurde der Marsch von der ökumenischen Gruppe „Christliche Israelfreunde Norddeutschlands“. Die Begrüßung durch Harald Rösler Bezirksamtsleiter Hamburg Nord, Bürgermeister Hans-Jürgen Kütebach in Bad Bramstedt, den stellvertretenden Stadtpräsidenten Bernd Delfs in Neumünster und Bürgermeister Peter Todeskino in Kielwurden als wohltuend und angemessen empfunden.

Einige Türen blieben den Marschierenden aber verschlossen. Kaum ein Vertreter der katholischen oder protestantischen Amtskirche und kaum einer der routinierten Kämpfer gegen Faschismus und für Toleranz begrüßte und begleiteten die Marschierenden oder reichten ihnen ein Glas Wasser. Viele Kirchengemeinden öffneten ihre Türen für die Marschierenden nicht und gaben ihnen keine Herberge. Die Presseberichterstattung war zum Teil dürftig. Die Offiziellen der Nordkirche hatten von der Teilnahme an dem aus ihrer Sicht „sogenannten Gedenk- und Versöhnungsmarsch“ abgeraten, weil er von einer angeblich evangelikalen Organisation veranstaltet wurde.

Der Marsch, den ich zufällig auf der Kieler Straße getroffen hatte und den ich drei Tage begleitete, fand in einer angenehmen Atmosphäre statt und bedeutete den Teilnehmern und besonders den Angehörigen viel. Unangemessene Missionierungsversuche habe ich nicht erfahren.

Liebe Kirchenvertreter, liebe in der Tagesroutine erstarrte Journalisten und Antifaschisten lest das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37). Die Begegnungen auf dem Marsch waren für mich ein unvergessliches Erlebnis. Danke Ruthy Sherman und Martha Birmacher, Dank den Organisatoren, gut dass Ihr gekommen seid!

Heinrich Kautzky, Kiel 19.4.2015