Abend der Ehrung

zum Marsch des Lebens Hamburg-Kiel
St. Lukas Gemeinde, HH-Fuhlsbüttel, Hummelsbütteler Kirchenweg 3
14. April 2015, 19.00 – 21.20 Uhr, Teilnehmer ca. 300

1) Der Abend wurde eingeleitet durch in allen Ecken des Kirchenschiffes laut vorgelesene Bibelworte aus den Klageliedern des Jeremias.

2) Nach der Einführung durch den Veranstalter (Text kann hier nachgelesenwerden), die überkonfessionelle christliche Initiativgruppe CIND (Christliche Israelfreunde Norddeutschland e.V.) sprach der Pastor der St. Lukas Gemeinde, Herr Warneke, und gab seiner Freude Ausdruck, dass dieser Abend der Ehrung für die NS-Opfer des KZ-Fuhlsbüttel (KoLaFu) in St. Lukas stattfinden konnte. Die Kirche sei eine der ältesten im Hamburger Norden und liegt in der Nähe des ehemaligen KZ, heute Justizvollzugsanstalt (JVA). Er erhielt Beifall, dass die St. Lukas Gemeinde trotz der betont ablehnenden Haltung der Nordkirche, Kirchenamt Kiel, zum Marsch des Lebens (MdL) ihre Räume zur Verfügung gestellt hat.

3) Es wurden Grußworte des Landesrabbiners Hamburg, Herrn Y. Shlomo Bistritzky, verlesen, der wegen des gleichzeitig stattfindenden Shoa-Tages im KZ Bergen-Belsen nicht teilnehmen konnte. In seinem Grußwort sagte der Landesrabbiner zu, am darauf folgenden Tag, Mi. 15.04.2015 zum Beginn des MdL an der Gedenkstätte des KZ Fuhlsbüttel dabei zu sein.

4) Für die Freie und Hansestadt Hamburg sprach der Bürgermeister, zugleich Leiter des Bezirksamtes HH-Nord, Herr Rösner, ein Grußwort und machte auf die Gedenkstättenarbeit und die Aufarbeitung der historischen Vorgänge in HH-Nord aufmerksam. Er verwies darauf, dass in unmittelbarer Nähe zur Landesgrenze Schleswig-Holstein das Außenlager Wittmoor gelegen hat, in der Zwangsarbeiter während der NS-Zeit gefangen gehalten wurden, die dort Torf gestochen haben. Das Lied „Wir sind die Moorsoldaten“, ein Lied des Hamburger Widerstandes wurde am Ende des Abends der Ehrung musikalisch vorgetragen und von der versammelten Menge mitgesungen.

5) Polizeipräsident i.R. Wolfgang Kopitzsch ging auf die Historie der Leitung des KZ Fuhlsbüttel ein. Er verdeutlichte, dass heute in der Ausbildung der Polizeianwärter auf die verbrecherischen Taten der Polizei zur NS-Zeit im Unterricht eingegangen wird. Polizeianwärter haben Gelegenheit, an Fahrten und Gedenkveranstaltungen in Auschwitz-Birkenau (Polen) und anderen KZ teilzunehmen. Das „KoLaFu“ war ein Polizeigefängnis und Zuchthaus zugleich und wurde auf Befehl Himmlers im April 1945 evakuiert, u.a. mit dem Todesmarsch Hamburg-Kiel.

6)Es wurden stellvertretend für die vielen Opfer im KoLaFu die Namen von Opfern mit Angabe der Nationalitäten verlesen, sehr viele u.a. aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Dänemark, Polen und der UdSSR. Alle Versammelten standen dazu auf.

7) Es folgte ein emotional stark berührendes Podiumsgespräch mit Nachkommen der Täter- und Opferseite.

Es wurden Nachkommen von Zeitzeugen, also direkt Betroffene des KoLaFa, auf das Podium gebeten, Ihnen Stühle gebracht und Ihnen nach und nach das Wort erteilt. Die erste war die Tochter von Hilde Sherman. Ihre Worte waren nicht zu verstehen, da die Nebengeräusche aus dem Mikrofon alles überlagerten. Ihre Betroffenheit und Rührung über die Veranstaltung war aber spürbar. Martha, eine Enkeltochter von Hilde war ebenfalls gekommen. Sie reiste aus Miami, USA, aus an. Sie erzählte, dass ihre Tochter nicht aufhören konnte zu weinen, als sie sich am Flughafen verabschieden mussten, weil sie nicht verstand, warum ihre Mutter so weit weg reisen wollte. Martha hat auf dem Flug und auch sonst lange überlegt, warum genau sie nach Deutschland fliegen sollte. Aber es war ihr wichtig vor allem jungen Leuten weiter zu geben, dass diese ihre Kinder darin erziehen sollen, andere zu lieben und zu respektieren, damit kein Hass in Ihnen wohne, der zu einem Völkermord führen kann. Liebe und Respekt anderen Menschen gegenüber sei so wichtig und unverzichtbar. Sie fragte die zwei jungen Leute auf dem Podium, wie sie mit dieser Verantwortung umgehen würden. Daraufhin wurde dem Enkelsohn des letzten Kommandeurs des Lager, Herrn Tessmann, (Mitte 30), das Mikrofon überreicht. Bevor er aber die Frage beantwortete, war es ihm wichtig etwas anderes zu tun. Er legte das Mikrofon zur Seite, stand auf und kniete sich vor den Nachkommen der Opfer nieder. Ich konnte nur die Worte „Im Namen meines Großvaters“ verstehen und bin mir sicher, dass er um Verzeihung gebeten hat. Er hat dies bei jedem einzeln gemacht. Sowohl Hildes Tochter, als auch die Enkeltochter ließen ihn aber nicht dazu kommen, denn sie hatten bereits gehört, was er sagen wollte und haben ihn beide einzeln in den Arm genommen. Bei beiden Frauen konnte man deutlich sehen, dass sie so berührt waren von der Geste und der Umarmung, dass Ihnen die Tränen liefen, auch der junge Mann hat sich die Tränen später abgewischt und die meisten der Anwesenden, wie auch mir, wurden die Augen ganz feucht. Die Worte, die diese Nachkommen der Täter und der Opfer austauschten waren nicht zu hören, aber zu sehen, wie sie sich im Arm hielten. Es war unglaublich bewegend.

So wurde dieser Abend der Ehrung ein Abend der Versöhnung zwischen Nachkommen von Opfern und Tätern und die zuvor verlesenen Namen der Opfer des KZ bekamen ein Gesicht.

Als nächstes berichtete Piet (ca. 80), dass er überlebt hat, weil seine Eltern, die beide Juden waren, ihn, als er 6 Jahre alt war, in ein katholisches Kloster gegeben hatten. Dies damit er überleben konnte, denn die Eltern wurden schon verfolgt. Später musste er sogar noch Mitglied der Hitlerjugend werden. Er ist der katholischen Kirche immer noch dankbar und bringt das mit der Zahlung von Kirchensteuer zum Ausdruck. Gläubig ist er jedoch nicht, weder jüdischen noch christlichen Glaubens. Während die 4 Besatzungsmächte noch Deutschland verwalteten, hat er sich hier wohl gefühlt. Seit diese Deutschland seine Eigenständigkeit zurückgegeben haben, sieht er jedoch mit großer Besorgnis, wenn nicht sogar Angst, dass der Antisemitismus wieder stärker wird.

Der nächste Zeitzeuge Walter Tennigkeit (Ende 70) war ein Sohn von Widerstandskämpfern der Bästlein- Jacob-Abshagen Gruppe . Seine Eltern hatten im Garten viele Treffen mit anderen Widerständlern veranstaltet und zeitweise auch Menschen auf dem Dachboden vor den Nazis versteckt. Er selbst hat wenig davon mitbekommen und durfte dies auch von seinen Eltern nicht, da sie ihn schützen wollten. Irgendwann kam sein Vater nicht mehr nach Hause. Später fuhr ein Auto vor das Haus, als er gerade mit ein paar Freunden Fußball auf der Straße spielte. Zwei Männer in Ledermänteln stiegen aus dem Wagen und gingen ins Haus. Seine Mutter rief ihn hinein. Er wurde ganz viel von den Männern ausgefragt, konnte aber keine Auskünfte geben, da er kaum etwas wusste. Von seiner Mutter wurde er zu den Nachbarn geschickt, sein Onkel und seine Tante würden ihn dort später abholen. Das war das letzte Mal, dass er seine Mutter gesehen hat.

Seine Tochter Anke Voss (Mitte 40) erzählte, dass sie ihr Leben lang immer gern gesungen hat. Als sie wie so häufig an ihrem Fenster saß und sang, sah sie, wie ihr Vater gerade Äpfel gepflückt hat. Sie wollte ihm helfen und ging zu ihm nach draußen. Dort fand sie ihn jedoch gegen die Leiter gelehnt stehend und er weinte. Dies hat sie sehr verwundert, denn er war ein lebensfroher Mann. Auf ihre Frage, warum er denn weine antwortete er: „Du hast so schön gesungen. Das erinnert mich an deine Mutter“.  Dies erzählte die Frau unter Tränen. Ihr Vater hatte zuvor erzählt, was mit seiner Mutter passiert war.

Als letztes berichtete eine junge Frau (Mitte 20), die Theologie in Tübingen studiert, dass ihr Großvater Richter am Oberlandesgericht Hamburg gewesen war. Er war für die Verwaltung und Verwertung der Sachen und Immobilien zuständig, die den Deportierten weggenommen und konfisziert wurden (Feindvermögen). Zudem hat er Urteile, auch Todesurteile über sog. Volksfeinde ausgesprochen. Über seine Tätigkeit hat er ein rechtfertigendes Buch geschrieben, dass die Enkeltochter sehr erschüttert hat, da es so voller Hass geschrieben war. In ihrer Familie wird immer noch über als diese Vergangenheit geschwiegen. Sie hat aber in Archiven mehr darüber recherchiert und ist dankbar, dass sie an diesem Abend die Möglichkeit hat, das Schweigen zu brechen und bei den anwesenden Nachkommen der Opfer um Vergebung zu bitten. Sie stand auf und ging zu jedem einzelnen auf dem Podium, um dies noch einmal persönlich zum Ausdruck zu bringen.

Nach dem musikalischen Abschluss wurde noch das Lied „Die Moorsoldaten“ vorgetragen (siehe 4.) wobei den Refrain ein Großteil der Anwesenden mitgesungen hat.
Nach verschiedenen Ankündigungen für den nächsten Tag (1. Marschtag des MdL) wurde der Abend vom Hauptorganisator Michael Dierks (Christliche Israelfreunde Norddeutschland, CIND,) beendet.

Es war insgesamt ein sehr bewegender Abend mit guter historischer und auch geistlicher Ausleuchtung des damaligen Geschehens. Es war nicht nur ein Gedenkabend sondern ein Versöhnungsabend zwischen den Generationen und Opfern und Tätern im besten Sinne. Er ließ die Verantwortung der jetzt lebenden Generation für ein „Nie wieder“ unausgesprochen sehr deutlich werden.

Berichterstatter und Teilnehmer am „Abend der Ehrung“:
Jürgen Hey (1 -5) und Sarah Hey (6 -7), 16.04.2015