Interview mit Sophie Nathan

0001 … Es war schrecklich! Der Gestank was entsetzlich … dass wir überhaupt da rauskamen… aber wir taten es. Um den 25. Februar 1945 kamen wir nach Hamburg und wurden dort ins Gefängnis gesteckt. Hamburg wurde furchtbar bombardiert, aber keine Bombe traf unser Gefängnis, wir mussten auch nicht in den Bunker rennen… Ich weiß nicht, wer uns das erzählt hat, aber es war wohl noch zu der Zeit, als wir in Hamburg waren. Das Gefängnis bestand aus 7 Gebäuden, die wie ein 7-zackiger Stern angeordnet waren. Die Amerikaner, Engländer, Russen wussten, dass dies ein Gefängnis für politische Gefangene war, und so wurden wir nie bombardiert. Überhaupt passierte uns Gefangenen nie etwas. … Wir hatten eigentlich nichts zu tun, wir mussten auf kleine Briefumschläge den Namen von Kräutern stempeln. – die sollten wohl später mit Kräutern gefüllt werden. Es war einfach schrecklich langweilig – eben nichts zu tun und so nahmen wir uns etwas von dem Papier, um Kreuzworträtsel zu erfinden und Gedichte drauf zu schreiben. Ich habe noch jetzt ein paar von diesen Papieren … Wir waren bis Mitte April in Hamburg und dann schickten sie uns auf einen Marsch von Hamburg nach Kiel an der Ostsee, und das war das Schlimmste … Ich weiß nicht, ob das dort ein KZ war oder nur ein Camp… Wir waren etwas mehr als 3 Tage unterwegs und kamen dort am 19. oder 20. April an… Nein, Ich glaube, wir starteten eher am 12. April und kamen am 15. dort an. Kiel war total zerstört und wir sollten die heilen Bausteine aus den Trümmern der Häuser herausschaffen. Das war also unsere Arbeit dort. Draußen vor dem Camp fanden wir Rote Beete und Steckrüben… wir aßen sie roh. Bis zum heutigen Tag würde ich keine mehr von ihnen anrühren! … Es gab kein Wasser, keine Seife und eine Menge russischer oder ungarischer Frauen – ich weiß nicht genau, wo sie herkamen … aber die waren nicht sehr sauber.
Int.: Waren diese Frauen auch Gefangene?
S.N.: Nein, einige von ihnen arbeiteten für die SS.. vielleicht waren sie deren Freundinnen oder wie man so etwas nennt …
Int.: Können Sie uns den Marsch beschreiben? Wie viele von ihnen liefen denn mit?
S.N.: Ich erinnere mich an den Augenblick, wo keiner von uns mehr weiter laufen wollte. Gott sei Dank hatten viele unserer Freunde ihre Mutter dabei. Ich glaube, ohne sie hätten viele von uns aufgegeben. Aber unsere Mütter ließen nicht locker und sagten uns, dass wir einfach weiter laufen müssten … unsere Füße hatten Blasen und taten schrecklich weh, aber auch ihre taten das. Und … wir marschierten ungefähr dreieinhalb Tage und während unseres Marsches gab es Luftangriffe und so mussten wir in Gräben Deckung nehmen und uns verstecken. Wir schliefen entweder draußen oder in Scheunen oder im Pferdestall oder so, und kamen dann am 15. April in Kiel an.
Int.: Wer begleitete Sie auf dem Marsch?
Hier wurde das Interview unterbrochen. Sophie wiederholte hier nur, was sie zuvor bereits gesagt hatte über die Arbeit in Kiel und die schmutzigen Leute und die Kojen, in denen sie zu dritt schlafen mussten.
S.N.: Ganz in der Nähe der Baracken gab es einen See, und da wir weder Wasser noch Seife hatten, fragten wir die SS-Männer hin und wieder, ob wir zum See gehen durften, um uns sauber zu machen. Sie gaben uns tatsächlich Erlaubnis dafür, aber sie würden uns beobachten, aber das war uns piepe – der Gedanke an die Läuse war einfach zu furchtbar… Dort blieben wir für 14 Tage.
Int. : Haben Sie im See gebadet?
S.N.: Ja, wir hatten zwar keine Seife, aber wir hatten Wasser, und das war besser als nichts! Wir hatten keine Handtücher, und ich kann mich nicht erinnern, wie wir trocken wurden…. wahrscheinlich von der Sonne!
Int. : Sie sprechen von „wir“. Wer waren die anderen?
S.N.: Nun ja, alle, die wir dort zusammen arbeiteten. Wir gingen nicht alle zur gleichen Zeit zum See, sondern in kleinen Gruppen.
Int.: Wie ging das denn?
S.N.: Ja, zu fünft oder sechs, oder sieben, und danach ging wieder eine andere Gruppe hinunter…uns wurde nicht gesagt, wie viele auf einmal gehen durften. Wir wurden eben nur beobachtet, damit keiner von uns entfliehen konnte.
Int.: Wie hat man Sie behandelt?
S.N.: Schrecklich! Schließlich waren es SS-Leute. Wir bekamen täglich eine dünne Scheibe Brot und was man Suppe nannte, aber das war einfach nur heißes Wasser – und das war alles, was wir am Tag zu essen bekamen. Wir wurden nicht als Menschen behandelt.
Int.: Können Sie sich an irgendeinen Zwischenfall erinnern?
S.N.: Nein – an nichts, während ich dort war. Woran ich mich aber erinnere ist, dass uns am 30.April Kleider gegeben wurden und uns gesagt wurde, dass wir unsere Gefängniskleidung ausziehen sollten. Am nächsten Tag – der 1. Mai – bekamen wir den Befehl, uns in Reihen aufzustellen und sie sagten uns, dass wir nun frei waren – aber niemand glaubte das. Und dann sahen wir plötzlich große weiße geschlossene Laster und Rote-Kreuz Ambulanzwagen. Meine Mutter war sehr, sehr krank, und wären wir noch eine Woche länger in Kiel geblieben, hätte sie das Ganze nicht mehr überlebt. Die Lastwagenfahrer sagten uns, dass wir in die Laster steigen sollten, dass wir nun frei wären und sie uns nach Dänemark nehmen würden. Sie wollten, dass meine Mutter in eine der Ambulanzen steigen sollte, aber wir erlaubten das nicht, und so blieb sie bei uns. Aber es war tatsächlich der Tag unserer Befreiung! Sobald wir die deutsche Grenze nach Dänemark passiert hatten, schickten sie uns zu den Duschen. Wir waren wieder sauber!
Int.: Waren das dänische Lastwagen, die Sie über die Grenze brachten?
S.N.: Ja… es waren dänische Rote-Kreuz Fahrer, sie wussten, was geschah und sie erzählten uns, dass wir nun befreit waren. Also, die Deutschen hatten uns auch am Abend zuvor gesagt, dass wir frei waren, aber wir glaubten das nicht.
Int.: Was sagten Ihnen die Fahrer?
S.N.: Sie sagten uns, dass wir in die Laster steigen sollten, dass diese vom dänischen Roten Kreuz seien und dass wir frei waren, und irgendwie glaubten wir es. Woran ich mich sehr gut erinnere, als wir die deutsche Grenze passierten, stoppten wir und sie nahmen uns zu den Duschen und dass wir danach sauber waren. Das bedeutete ungeheuer viel für und alle. Dann wurden wir zu einem Zug gebracht und es wurde uns gesagt, dass Fürst Bernadotte von Schweden an Hitler und Himmler Geld für Juden bezahlt hatte. Aber man sagte uns auch, dass wir nicht verlauten lassen dürften, dass wir aus Deutschland kamen, weil kein deutscher Jude befreit werden durfte – nur osteuropäische Juden. Während der Zugreise wurden uns Care – Pakete gegeben, doch man sagte uns, dass wir vorsichtig mit dem sein sollten, was wir aßen, und dann auch dabei langsam essen. Die meisten von uns taten das auch, aber einige nicht und so wurden sie sehr krank, da sie nicht ans Essen gewöhnt waren.
Int.: Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie sich zu der Zeit gefühlt hatten?
S.N.: Ich denke, dass keiner von uns wirklich begriff, was los war … ich meine, wir hatten dreieinhalb Jahre unter den SS gelebt. Ich glaube, mir war gar nicht bewusst, was es bedeutete, frei zu sein … ich meine … wieder ein normales Leben zu leben. Wir alle brauchten eine lange Zeit, das zu verstehen…. Als wir schließlich in Dänemark ankamen, gingen wir auf ein Boot, das uns nach Schweden nahm.
Int.: Können Sie sich an den Ort in Dänemark erinnern?
S.N.: Nein, ich erinnere mich nur daran, dass wir in Malmö in Schweden ankamen, ganz unten an der Spitze von Schweden. Das war der 2. Mai. Dort warteten einige jüdische Leute auf uns, die ein Zelt aufgebaut hatten und sie kamen auf uns zu und brachten uns heiße Schokolade. Es war Lag ba -Omer – bis heute ist dies ein ganz besonderer Tag für mich … ich meine, dass dies ein Tag ist, den keiner von uns je vergessen wird… er ist wie ein zweiter Geburtstag … Zu der Zeit in Malmö hatte man eine Schule in ein Krankenhaus umfunktioniert und dorthin nahmen sie uns. Als sie die Tür öffneten, waren da Betten mit einem Bettlaken !!!……. Also das war für mich unglaublich! Und wir waren die ganze Zeit unter der Aufsicht von Ärzten. Man bereitete Mahlzeiten für uns vor, so dass wir allmählich wieder normales Essen zu uns nehmen konnten. Wir waren ungefähr 10 Tage in Malmö, und während dieser Zeit war ein Feiertag und wir hörten die Kirchenglocken läuten und überall in den Straßen feierten die Leute….überall… aber irgendwie kam das bei uns nicht an, weil wir frei waren – ja, das war ’s: wir waren frei!……. Und ,wie schon erwähnt, blieben wir in Malmö 10 Tage und danach brachte man uns ins Flüchtlingslager „Smålandsstenar“ , wo man uns in Quarantäne hielt im Falle, dass wir eine ansteckende Krankheit hatten. Es gab tatsächlich überall Schwestern und Ärzte um uns herum – . es war einfach wunderbar, was die Schweden für uns getan haben … Ich denke wir blieben dort bis zum 3. Juli …. Und während wir noch in Malmö waren ….