Bericht vom Teilnehmer Friedrich Quaas (Pastor i.R)

BERICHT ÜBER DEN MARSCH DES LEBENS HH- FUHLSBÜTTEL – KIEL 15.- 19.4.2015

Mit teilweise über 100 Teilnehmern waren wir an 5 Tagen unterwegs, um den Weg des Todesmarsches vor 70 Jahren nachzugehen, an den Marsch zu erinnern und der Opfer zu gedenken. Ca 800 Häftlinge waren kurz vor Kriegsende noch im KZ Fuhlsbüttel untergebracht. Sie kamen aus den unterschiedlichsten europäischen Nationen, sehr viele aus Belgien. Sie wurden in 4 Kolonnen auf den Todesmarsch getrieben in Richtung Norden, das Ziel war das Arbeitserziehungslager „AELNordmark in Kiel- Russee. In einer Kolonne waren 96 jüdische Frauen,die aus dem Ghetto in RIGA nach Hamburg verschleppt worden waren. Unter ihnen Hilde Sherman, die überlebte und ein Buch über ihre Jahre im Ghetto und über den Todesmarsch geschrieben hat („Zwischen Tag und Dunkel – Mädchenjahre im Ghetto“, Ullstein- V.1984). Durch sie hatten wir einen direkten Bezug zu diesem Todesmarsch, weil wir sie 1989 in ihrem Geburtsort Mönchengladbach kennengelernt hatten. Ihre Tochter Ruty Shermen und ihre Enkelin  Martha Birmaher waren mit uns unterwegs. Für beide war dieser Weg einerseits eine große Herausforderung, andererseits eine wunderbare Begegnung und eine innere Heilung. Martha schrieb am Ende in einer mail: “This march will be a reminder I have roots in Germany and I should come to visit in the future, free and with a lighter heart.“

Vor Marschbeginn gab es einen ABEND DER EHRUNG, am Di. den 14.4. in der St.Lukaskirche in
Fuhlsbüttel – mit einem Grußwort des Gemeindepastors Warnecke und des Bezirksamtsleiters H. Rösler. Der Landesrabbiner Bistrizky ließ ein Grußwort verlesen. Der Polizeipräsident i.R.
W. Kopitzsch hielt einen Vortrag über das „Kola-Fu“, Fr. Quaas sprach über Hilde Sherman.
Das Bewegenste an diesem Abend war zweifellos die Verlesung der Namen der Opfer des Kola-Fu und die Begegnung der Nachkommen der Opfer und der Täter: Ruthy und Martha als Nachkommen von Hilde Sherman, Walter und Anke Voss als Nachkommen von Käthe und Richard Tennigkeit. Klaus Tessmann, dessen Vater Willi der letzte Kommandant im KZ Fuhlsbüttel war, kniete vor den Nachkommen der Opfer nieder und bat um Vergebung. Unter Tränen hat Ruthy Klaus in die Arme genommen. Mit Klavierbegleitung von I-en Liu sang D.Hohlheimer das Lied von Hans Eisler: „O Fallada, die du hangest“ und das Lied von den Moorsoldaten. Michael Dierks gibt Informationen und eröffnet den Marsch des Lebens.

Am Morgen des 1.Marschtages versammeln sich die Teilnehmer vor dem KZ Fuhlsbüttel. Wir
hören ein Grußwort des Gefängnisseelsorgers und den Reisesegen des Landesrabbiners, er geht ein Stück weit mit uns durch die Stadt, um das Anliegen des MdL zu unterstützen. Nach drei Raststellen haben wir etwa 2/3 des Weges ( 26 km) hinter uns und kommen zur ersten
Ermordungsstelle am Kisdorfer Feld. Hier wurde ein österreichischer Gefangener –
vielleicht beim Fluchtversuch- von der SS erschossen. Zwei weitere ausländische Häftlinge wurden am Zielort Kaltenkirchen erschossen. Wir gedenken ihrer mit Stille und Gebet. Am Abend versammeln wir uns in der Michaeliskirche in Kaltenkirchen. Hier wird in einer
Gedenkfeier eine Tafel für den NS- Pastor E. Szymanowski enthüllt, der als SS- Mann in der
Ukraine für die Ermordung tausender Juden verantwortlich war und trotz Verurteilung in Nürnberg nach dem Krieg über 10 Jahre in der Gemeinde als Pastor arbeitete – ohne nennenswerten Widerstand!

Der 2. Marschtag beginnt mit einem Gedenken an die 6 Millionen ermordeten Juden am JOM
HASHOA. Auch in Israel gibt es gleichzeitig zwei Schweigeminuten. Auf Ruthys Wunsch hin
gedenken wir auch der 1,5 Millionen Opfer des Völkermordes an den Armeniern. Wir haben einen Armenier – Artemis – dabei, der später von seinem Schicksal und von dem Genozid berichten wird. Wir singen die israelische Nationalhymne „Hatikwa“. Martha singt mit wunderbarer Stimme ein Lied von Hanna Sennesch „Eli, eli..“ Ruthy liest aus dem Marschbericht ihrer Mutter. Vor Bad Bramstedt gedenken wir der Gefangenen, die sich in der Scheune versteckt hatten und unterwegs erschossen wurden. Ein weiterer Häftling wird auf der Flucht bei den Mergelkuhlen (heute Fischteiche) brutal umgebracht. Eine Frau berichtet von ihrer Mutter, die Zeugin dieser Erschiessung geworden war. Sie hat später darunter gelitten, dass ihr nicht geglaubt wurde. – Allmählich bekommen wir eine Ahnung von den Strapazen und dem Leid der „Todesmarschierer“. In Bad Bramstedt werden wir vom Bürgermeister begrüßt. Er
verspricht, dafür zu sorgen, dass eine Gedenktafel zur Erinnerung der Ermordeten an geeigneter Stelle angebracht wird! Von der Polizei, die uns ständig begleitet, werden Exemplare des Hamburger Abendblattes gekauft. In der Norderstedter Beilage ist ein guter Artikel mit
großfarbigem Foto über den MdL abgedruckt. Ruthy wird interviewt. Sie sagt u.a.:“ Solche
Aktionen sind mehr denn je wichtig, denn der Antisemitismus nimmt in Europa und in den USA
dramatisch zu.“ Unser Ziel ist Dorotheental, wo man bei einem Bauern übernachtet hat.
Die Gefangenen werden ausnahmsweise gut versorgt. – Auch wir werden später bei einer Rast an den Fischteichen von einer Pfadfindergruppe aus Neumünster mit Getränken und Gebäck liebevoll versorgt. – Abends sind wir im Christuszentrum in Neumünster zu Gast und werden zuvorkommend bewirtet. Ruthy und Martha werden von Klaus Arle interwiewt, sie erzählen, wie sie mit der Last der Vergangenheit umgegangen sind und wie sie den MdL persönlich erleben. Wir sind bewegt von dem, was Gott an ihnen in diesen Tagen an Versöhnung und innerer Heilung bewirkt hat.

Am 3. Marschtag kommen neue Teilnehmer aus Neuwünster und Umgebung dazu, so dass wir jetzt mit über 100 Leuten unterwegs sind. Bei dem herrlichen Wetter sind die bunten Farben der Fahnen ein prachtvoller Anblick. Immer wieder fragen Passanten nach dem Grund unserer Wanderung. Wir geben vielen Flyer in die Hand und kommen oft in gute Gespräche. Am Rastort Wittorfer Feld gedenken wir der zwei Ermordeten, die bei einem Fluchtversuch erschossen wurden: ein Wachtmeister und ein französischer Häftling, der in Hamburg  Verbindung zur Weißen Rose hatte, von der Gestapo aber als Spitzel benutzt wurde. Wir gehen durch Neumünster, das damals wegen Bombenangriffen umgangen wurde. Hier ereignete sich ein bemerkenswerter Zwischenfall. Hilde Sh. berichtet:“Wir kamen nur mühselig voran. Der Durst quälte uns entsetzlich, Hunger spürten wir nicht mehr. Im Vorbeigehen zupften wir kleine Blätter, die eben hervorkamen, von den Hecken und saugten sie aus, um den Durst zu löschen. Die Triebe waren..bitter wie Galle. Wir erreichten Neumünster, das wir von außen umgingen.  Die Leute kamen aus den Häusern, um unseren Elendszug zu betrachten. Keiner sagte ein  Wort, kein Schimpfwort, keine Verwünschungen. Wir baten um Wasser, und im Handumdrehen standen volle Eimer und Töpfe vor den Haustüren. Halb verdurstet stürzten wir uns auf diese Labe, als das Kommando ertönte:“Zurück, sonst wird geschossen!“ Die SS stieß Eimer und Töpfe um, das Wassert floss auf die Straße.Dann geschah das Unbegreifliche: Die Leute am Straßenrand fingen an zu murren, erst leise, dann lauter. Schließlich ertönten Rufe:“Verbrecher, Mörder, Schweinehunde!“ Die SS traute ihren Ohren nicht. Hals über Kopf trieben sie uns weiter. Fingen die Deutschen an, wach zu werden? Reichlich spät.“ Auf dem Rathausplatz werden wir von dem Vertreter der Stadt (Ratspräsident und Vertrer ) begrüßt. Er ist offensichtlich engagiert, was das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und den Kampf gegen das Vergessen und gegen Antisemitismus angeht. Wir machen eine Pause in der
Luthergemeinde, wo wir gut bewirtet werden. Abends werden wir hier wieder zu Gast sein. Wir kommen zu einem Gedenkort am Einfelder See. Ein Ehepaar aus Berlin berichtet vom Widerstand ihrer Großmutter, deren Schwester und weiterer Personen, die im Widerstand aktiv waren und Juden versteckt haben. Sie wurden später in Yad Waschem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. Ein Landschaftsgärtner berichtet von der Ermordung von drei englischen Bomberpiloten durch die Nazis in der Nähe von Einfeld. Ein Teilnehmer des Todesmarsches – wahrscheinlich ein Sowjetrusse – wird hier erschossen. Wir gedenken seiner im Dorfkern Mühbrook. Abends sind wir in der Luthergemeinde , es gibt Gulaschsuppe und Getränke. In der Kirche berichten die Enkel der Täter- und Opfergeneration, Klaus Tessmann und Anke Voß (Tennigkeit), wie sie mit dem Erbe ihrer Vergangenheit umgehen und was der MdL für sie bedeutet. Es wird deutlich, dass nur die Versöhnung die inneren Wunden heilen kann.

Der 4. Marschtag verläuft ruhiger als die vorangegangenen Tage. Wir gedenken in Mühbrook der ermordeten Häftlinge, die versucht hatten, sich im Stroh einer Scheune zu verstecken. Einer wirdvon der SS brutal mißhandelt und vor den Augen von kleinen Kindern erschossen, worüber es in der Bevölkerung große Empörung gibt. Ein anderer wird später erschossen. Der Todesmarsch endet im Arbeitserziehungslager Kiel-Hassee. Hilde Sh. schreibt: „Vor uns, am Ufer eines Sees, lag das Lager: eine große Barackenstadt, umgeben von Wachtürmen, das AEL Kiel – Hassee. Alles war uns gleichgültig. Das mußte die Endstation sein, so oder so. Wir konnten nicht mehr. Wir waren fertig.“ Wir machen vorher Rast im Freilichtmuseum Molfsee. Es werden Erlebnisse vom Marsch des nach dem Todesmarsch von Lübeck nach Neustadt auf der Cap Arcona ums Leben gekommen war. Später hören wir von einer Frau, die einen Überlebenden der Cap Arcona bei sich aufnahm, ausgerechnet den Dichter des Moorliedes! Unser Armenier Artemis erzählt seine Lebensgeschichte und gibt Informationen über den Völkermord an ca 1,5 Millionen Armeniern vor 100 Jahren ( Gedenktag ist der 24. April ). Für dieses schreckliche Geschehen – mit Duldung des deutschen Kaisers ! – wurde erstmalig der Begriff „Holocaust“ verwendet.

Der letzte Marschtag ist ein Sonntag, der 19. April. Wir gehen nach dem Reisesegen die letzten vier km bis zum Arbeitserziehungslager Nordmark. Weil sehr viele Kieler Freunde dazu gekommen sind sind wir jetzt annähernd 300 Teilnehmer. Wir versammeln uns an der Gedenkstätte und hören ein gutes eindrucksvolles Grußwort des Bürgermeisters Todeskino. Es werden stellvertretend für die über 500 Opfer ( davon 150 polnische Offiziere! ) die Namen ermordeter Häftlinge verlesen, die auf dem Gedenkstein stehen. Ein Mandelbaum, von Martha und Klaus gepflanzt, wird am Gedenkstein aufgestellt. Es gibt eine bewegende Begegnung von Ruthy mit einem ehemaligen Rektor der Theod. Heuss- Schule , der Soldat in Riga war und Hilde Sh. mehrfach begegnet ist – und ihr später einen Brief schrieb: Dr. Hans Dräger. Beide umarmen sich zum Zeichen der Versöhnung. Wir singen das Lied von Schalom Ben Chorin: “Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg. Eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“ Hinrich Kaasmann fasst in guten Worten noch einmal zusammen, was uns auf dem Marsch des Lebens bewegt hat und wozu er gedacht ist: Dass dieses Geschehen nie vergessen werden darf und dass wir alles tun müssen, damit so etwas nie wieder geschehe. Im Sportheim der TUS Russee feiern wir ein FEST DES LEBENS! Eine Gypsy – Band – Musiker der Sinti, selbst Nachkommen von Überlebenden, spielt für uns. Auch sie sind Nachkommen einer weiteren Opfergruppe dieses Marschgeschehens. Carlos, ein Bandmitglied berichtet dann allen Zuhörern, wie tief die traumatischen Verletzungen des Holocaust noch im Volk der Sinti verwurzelt sind und wirkmächtig das Schweigen der älteren Generation bestimmt. Beinahe in jeder Familie sind Vorfahren betroffen gewesen. Der Schmerz sitzt tief. Aber er und die jüngere Generation wollen das Schweigen brechen. Dann spricht ein Gemeindeleiter und bestätigt das Gesagte.Er wünscht sich, dass seine Gemeindeglieder mit den Schmerzen der Vergangenheit leben lernen und ohne ihre eigene Kultur aufzugeben, Teil der Gesellschaft werden. Von Frau Beith wird er anschließend in die in den Kieler Kreis der Allianz eingeladen.
Wer nicht im Saal Platz hat, kann draußen bei schönstem Wetter auf der Terrasse sitzen. Es gibt Kaffee und Kuchen und gute Gespräche. Die Nachkommen der Überlebenden und die Mitarbeiter, die diesen Marsch großartig vorbereitet haben, werden mit Blumen bedacht. GOTT LOB UND DANK, der diesen Marsch des Lebens zu einem Werkzeug seines Segens, des Friedens und der Versöhnung gemacht hat!

( Weitere Märsche des Lebens sind im Norden am 1. u.2. Mai von Lübeck nach Neustadt geplant
und vom 23.April – 3.Mai von Ravensbrück nach Schwerin )