Begrüssung und Positionierung des Veranstalters

Sehr geehrte, liebe Nachkommen von Opfern der Nazi Herrschaft, deren wir heute gedenken
Sehr geehrte, liebe Zeitzeugen
Sehr geehrter Herr Landesrabbiner Bistritzky,
sehr geehrter Herr Bezirksamtsleiter und Schirmherr Herr Rösler,
Sehr geehrter Herr Polizeipräsident i. R. und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten Herr Kopitzsch,
Sehr geehrter Herr Pastor Dr. Warnecke,
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

mein Name ist Michael Dierks und ich möchte Sie herzlich im Namen des Veranstalters, der christl. Israelfreunde Norddeutschlands und derjenigen, die diesen Marsch und auch diesen Abend der Ehrung organisiert haben, willkommen heißen.

Wir sind heute hier zusammen gekommen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken und Ihre Familien zu ehren.
Wir wissen gerade auf diesem historischen Marsch gab es ca. 800 Gefangene aus den  unterschiedlichsten Opfergruppen. Sie mußten in mehreren sehr heterogen zusammengesetzen Kolonnen, zeitversetzt gehen. Man geht meines Wissens davon aus, dass ungefähr 1/3 Juden waren, weiterhin viele polit. Gefangene, Arbeitssklaven unterschiedlicher Nationalitäten und sogenannte Asoziale, Prostituierte und, und, und.

Im KolaFU inhaftiert waren zuvor auch Angehörge der Sinti, Homosexueller, Zeugen Jehovas, der Swing Jugend, sogar eine große Gruppe chinesischer Bürger.

So war es uns auch besonders wichtig auf Nachkommen zumindest einiger dieser Gruppen zuzugehen. Gerade auch im Kontakt mit der Sintigruppe wurde deutlich, wie tief die traumatischen Verletzungen heute noch immer sind.

Wir sind dankbar und freuen uns, dass auch aus diesem Kreis Nachkommen teilnehmen. Es gibt viele Bücher über Folgen dieser speziellen durch unser Volk verursachten Traumata und ihre Auswirkungen auf die Folgegenerationen, dabei hat mich u.a. das Buch des Psychotherapeuten Jürgen Müller – Hohagen „Verleugnet, verdrängt, verschwiegen“  angesprochen.

Wir gehen auf die 70. Jährung des Kriegsendes zu. Und sind dankbar, dass wir in Deutschland, seit 70 Jahren in Frieden leben dürfen und unser Land und Volk, trotz der verursachten Massenmorde, wieder in der Völkergemeinschaft anerkannt ist. Welche Gnade!

Dieser Marsch kann nur realisiert werden, weil viele sich helfend beteiligen. Besonders freuen wir uns, dass diese Gemeinde mit ihrem Pastor Dr. Warnecke diese Feier heute Abend hier so gastfreundlich ermöglicht.

Was bedeutet dieser Versöhnungsmarsch?

Der morgige Marsch versteht sich in einer langen Reihe bisheriger Aufarbeitungen in einer weitreichenden Erinnerungskultur, ohne diese er nicht dankbar ist.

Dabei wird der Ruf immer lauter, reicht das nun nicht mal? Immerhin 70 Jahre ist dieses Geschehen vorbei und die Welt hat doch wahrlich genug massive aktuelle Probleme. Aber andererseits. Was sind 70 Jahre bei einer so weitreichenden Tragödie mit geplantem
Völkermord, in der „unser“ historischer Marsch einen Mosaikstein ausmacht.

Mit 4 unterschiedlichen Perspektiven möchte ich Ihnen unser Herangehen im Vorbereitungsteam versuchen zu verdeutlichen.

In der Bibel wird von einem Mann, Namens Daniel, geschrieben desssen Haltung für uns bei der Vorbereitung dieses Marsches von besonderer Bedeutung ist. Er indentifiziert sich mit der Schuld seines Volkes und tritt vor Seinem Gott für ein Geschehen ein, dass ungefähr vor 70 Jahre stattgefunden hat. Er beginnt sein Gebet mit den Worten : „Wir haben gesündigt …“ Er stellt sich also bewußt mit unter die Schuld seiner Vorfahren.

Zweitens, aus philosophischer Sicht, z.B. Ein Wort v. Richard Weaver, Kulturphilosph d. 20. Jhd. “Das Problem mit der Menschheit ist, dass sie vergisst, sich über die vorangegangenen Geschehnisse zu informieren.”
und der Philosoph George Santanya stellt fest: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Drittens der historische Blick: In einer Dokumentation über KolaFu aus Neuengamme heißt es: „Insgesamt kamen in den Fuhlsbütteler Haftstätten zwischen 1933 und 1945 annähernd 500 Frauen und Männer ums Leben.“ Und weiter „Das am 4. September 1933 eröffnete, „Kola-Fu“ genannte KZ Fuhlsbüttel wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer der berüchtigsten Terrorstätten im nationalsozialistischen Deutschland.“

Viertens der persönliche Zugang: Mein Großvater war Berufsoldat und führte schon Agenten zur Kaiserzeit, also im 1. WW und später unter Hitler war er stationiert hier in Hamburg, als Major im militärischen Geheimdienst, der sogenannten „Abwehr“. In meiner Familie wurde über seine Tätigkeit geschwiegen.

Wieviel Leid und Not ging von meinem Volk aus in die gesammte Welt und besonders gegen das jüdische Volk?!
Wie hat mich dies bei meiner Identitätssuche als junger Mensch belastet? Wie sollte ich mit dieser Bürde umgehen?

2 Juden sind mir dabei besonders hilfreich gewesen. Der eine lebte vor 2000 Jahren, IHN kennenzulernen verschaffte mir Zugang zum Gott Israels
und dann war für meinen Weg eine französische Jüdin wichtig, in deren norddeutscher Gemeinschaft ich nach meinem Sozialpädagogik Studium 3 prägende Jahre mitlebte. Sie war eine Holocausüberlebende. Als Kind hat sie Mengeles medizinisches Folterprogramm durchlitten. Sie lehrte die jüdische Bibel. Sie lebte Versöhnung.

Jeder von uns geht seinen persönlichen Marsch des Lebens. Für den Morgen beginnenden Marsch haben wir für jeden Tag einen Handzettel mit Impulsen für den gemeinsamen Weg. Versöhnung im Alltag leben, wie geht das?

In diesem Zusammenhang ist uns besonders wichtig, die Ehrung und Würdigung der Opfer und dabei der damaligen verschiedenen betroffenen Opfergruppen und ihre Familien zu berücksichtigen.

Mit einigen Fragen möchte ich schließen:

  • Welche Auswirkungen hat der Marsch für die Zeit nach dem Marsch?
  • Was folgert aus der Bewußtwerdung während des Marsches?
  • Wie kann das Aussehen, wenn ich z. B. heute Verantwortung übernehme, indem ich mich an die Seite Israels positioniere?
  • Wie dem Staat und Volk Israel heute in meinem Alltag, konstruktiv zur Seite stehen?
  • Wie kann ich mich im eigenen Alltag gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einsetzen?

Dabei ist uns besonders wichtig:

  • Wie werden unsere jungen Menschen für dieses komplexe Thema wachgehalten?

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.